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das elektronische magazin
von luisa francia

editorial

ich wollte immer eine zeitschrift machen. als ich gerade lesen und schreiben gelernt hatte, stellte ich kleine heftchen mit dem titel "bunte blätter" her. den mut und die zähigkeit von greta tüllmann ("ab 40") habe ich aber nicht, zehn jahre lang am rand des ruins eine zeitschrift durchzuziehen. da kam mir das internet gerade recht, das ich ohnehin spannend finde, weil der prozess der veröffentlichung von ideen und informationen schneller, spontaner und persönlicher sein kann als über printmedien. mondo cane soll ein elektronisches magazin sein, in dem alles was mich interessiert, beschäftigt, berührt zur diskussion gestellt wird. gut geschriebene, spannende beiträge, bilder, fotos, gedichte sind willkommen. aber ich mache kein geheimnis draus, dass ich selbst entscheide, was ich haben will und was nicht. ich bezahle keine honorare und verdiene an dem e-zine nichts. dass es meine website und "mondo cane" überhaupt gibt, verdanke ich andreas strempel, der sich seit monaten mit der fülle meiner texte und bilder und dem entsprechenden chaos herumschlägt. mit dieser website habe ich einen spielplatz im universum eröffnet und bin gespannt, was sich daraus entwickeln wird.
luisa francia

auflage:

mondo cane n.1 | dezember 1999 | herausgeberin: luisa francia

Das ultimative Horoskop für das Jahr 2000.

WIDDER | STIER | ZWILLING | KREBS | LÖWE | JUNGFRAU | WAAGE | SKORPION | SCHÜTZE | STEINBOCK | WASSERMANN | FISCHE


Agnes hat noch vierzehn Konservenbüchsen, Leipziger Allerlei mit Erbsen und Karotten, elf Sardinenbüchsen und zwei große Büchsen Linsen mit Würstchen vom letzten Weltuntergang 1997. Damals ging sie in den Keller und blieb vierzehn Tage mit all den Vorräten dort, bis eine Nachbarin schließlich an die Kellertür klopfte und sagte: Kannst aussakumma, der Weltuntergang is? rum! Diesmal kauft sie nichts ein. An diesen Weltuntergang glaubt sie nämlich nicht. Ich übrigens auch nicht. Millenium hin oder her, die Welt wird genausowenig untergehen wie vor tausend Jahren. Beim letzten Jahrtausendwechsel ging es vielleicht noch wilder zu: Weltuntergangsprofeten stellten sich auf Säulen und kamen wochenlang nicht mehr herunter, Flagellanten peitschten sich den Rücken blutig, Wanderprediger zwangen die Leute, Busse zu tun und ihr letztes Geld herzugeben, manche zogen los, liessen Haus, Hof, Kind und Kegel zurück und glaubten in die Hölle zu wandern. Was muß das für eine Überraschung gewesen sein, als zwar die Sonne unterging, wie immer, aber die Welt nicht. Als die Sonne am ersten Morgen des neuen Jahrtausends wieder aufging und die Wälder,die Häuser, die Essensreste noch genauso dastanden wie am Abend zuvor! Niemand peitschte sich zum Anfang des 30jährigen Kriegs, niemand stellte sich auf Säulen als die Franzosen durch Europa zogen. Kaum ein Weltuntergangsprofet zog sich in einen Bunker zurück, als die Nazis mit der Judenvernichtung begannen. Und selbst der Vietnamkrieg, der Golfkrieg oder der Bombenangriff der Nato auf Jugoslawien beunruhigte die Astrologen nicht sonderlich, und wenn, dann wars jedenfalls in keiner Zeitung zu lesen. Keine ausserordentlichen Konstellationen mussten für den Hutu-Tutsi-Krieg herhalten, unbemerkt ging die Vernichtung von etwa hunderttausend Tuareg 1992 in Niger und Mali an den Astrologen und Weltuntergangsunken vorbei und auch der Völkermord der weissen Rassisten an der schwarzen Bevölkerung in Südafrika entlockte den Weihrauch schwingenden KollegInnen keine Stirnfalte. Da sind wir doch durchaus pragmatisch, das Leben geht weiter! Daß Kurden noch immer verfolgt werden, keine Schulen in ihrer eigenen Sprache und im Sommer kein Wasser haben ist auf den Weltkongressen der Esoteriker kein Thema, kein Hellseher kümmerte sich, als die Kurden zu Beginn des Jahrhunderts den Türken halfen, die Armenier auszurotten.

Dumm wäre natürlich, wenn wir, die Privilegierten, die ihre Kriege auswärts kämpfen lassen, auch mit solchen Brutalitäten belästigt würden. Frau Teissier, Chefastrologin aus Genf sieht da recht schwarz für uns. Also auf nach Kanada, nach Alaska. Interessant, daß ausgerechnet dort die Welt nicht untergehen soll!

Its not dark yet, but its getting darker, sang Bob Dylan auf seiner umjubelten Europatournee. Auch du, Bob Dylan! Eine Freundin, militante Astrologin verschickt Faxe an ihren ganzen Freundeskreis: verhängnisvolle astrologische Konstellation um die Sonnenfinsternis und den Jahrtausendwechsel herum, die "unheilvollen Planeten stehen in einem Kreuz, Uranus im Wassermann, Mars im Skorpion, Saturn im Stier und die Sonne im Löwen". Vergeblich mahne ich sie: und was ist mit Pluto, der im Schützen steht, wandelt er nicht Gewalt in Bewußtsein, verfeinert er in dieser Position nicht die Wahrnehmung? Und was für ein Jahrtausendwechsel? Da stimmt doch auch irgendwas mit der Milchmädchenrechnung nicht. Jahrtausendwechsel, sagt meine Schwester, ist doch nur im christlichen Kalender, das heisst vielleicht, daß nur die christliche Welt untergeht? Aber wer schon einmal an einen Menschen hingeredet hat, der vom Ende der Welt überzeugt ist, weiß wie fruchtlos jeder Widerspruch ist. Ich fahre mein bestes Argument auf: die astrologische Stellung der Sterne entspricht ja gar nicht der astronomischen. Die Astrologie mit ihren Ephemeriden stützt sich immer noch auf die alten babylonischen Berechnungen. In der Wirklichkeit des von uns wahrnehmbaren Sternenhimmels stehen die Planeten zwischen zehn und dreißig Grad vor dem astrologischen Stand, aber eben auch nicht ganz gleichmäßig. Das bedeutet, daß der astrologische Sternstand für Weltuntergangstheorien nicht mehr hergibt als die Preisliste eines Bratwurstverkäufers. Das heisst zwar noch nicht, daß Astrologie überhaupt nicht funktioniert, aber jedenfalls nicht als mathematische Wissenschaft. Als philosophisches Spiel ist sie wirklich brauchbar.

Hartgesottene Rationalisten beginnen plötzlich unter den Prophezeiungen von Nostradamus zu wimmern. Wissenschaftsorientierte Karrieristen machen sich auf die Suche nach ihrem Seelenheil, studieren den Buddhismus, gehen in Zen-Klöster meditieren, zahlen horrende Summen für Seminare, bei denen gefastet und geschwiegen wird und alles nur, weil demnächst, wie's aussieht, die Welt untergehen soll. Reisebüros müssen zwischen August 1999 und Januar 2000 Rekordumsätze einfahren. Und die Computerbranche hat vermutlich nirgends so fette Umsätze gemacht, wie bei der Umstellung der alten Computerprogramme auf vierstellige Jahreszahlen.

Egal wie weit die Wissenschaft mit ihren Fragen und Antworten gekommen ist, egal wie aufgeklärt, wie rational und nüchtern die westliche Welt geworden ist, rätselhafte Urängste und Sehnsüchte steuern unser Denkvermögen. Mag auch die Technologie uns Computer, High-Tech-Geräte, futuristische Straßenkreuzer und virtuelle Realitäten beschert haben, die Themen, die die Menschen beschäftigen, haben sich nicht verändert: Liebe, Gesundheit, Wohlstand, Angst um den Arbeitsplatz, um die Existenz, Angst vor dem Tod, Angst vor dem Weltuntergang. Oder ist es vielleicht das schlechte Gewissen, das sich da Gehör verschafft? Sind wir nicht etwa selbst mit schuld, wenn die Welt untergehen sollte? Dabei ist eine Zukunft so ziemlich das Einzige, was allen Menschen winkt. Die weniger Privilegierten müssen mit einer etwas bescheideneren Zukunftsausstattung vorlieb nehmen, aber Zukunft ist da, genauso wie Gegenwart und Vergangenheit. Das Universum verliert nichts. Und im nächsten Jahr mischen uns die Sterne besonders gut auf. Nichts bleibt, wie wir es gewöhnt waren, wir werden herausgefordert und provoziert wie schon lange nicht mehr. Interessante Zeiten nennt das taoistische I-Ging Orakel solche Herausforderungen. Ein Ende der Scheuklappen ist in Sicht, ein Ende des linearen Denkens, der vorsintflutlichen Mehr-Geld-mehr-Macht-Ideologie auch. Revierkämpfe weichen einer neuen Art von Verständigung – Zeit wirds, denn egal wie die Sterne stehen, Wasser und Luft, Nahrung und Glück werden knapp. ____ nach oben

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